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# - Streit um die Lebenserwartung


von Thomas Schmitt

Eigentlich sollte die nach klaren Regeln definierte statistische Lebenserwartung eindeutig bestimmbar sein. Doch Versicherer messen mit zweierlei Maß: Je nach Versicherung leben die Deutschen im Schnitt länger oder kürzer.

FRANKFURT. "Alter spielt überhaupt keine Rolle, es sei denn, man ist ein Käse." Wie sehr sich die Schauspielerin Billie Burke da doch irrte. Für Versicherungen spielt das Alter sogar eine Hauptrolle. Das zeigt sich besonders deutlich an einem bizarren Schaukampf zwischen dem Branchenverband GDV und der Zeitschrift "Ökotest". Inzwischen ringt auch das Fernsehmagazin "Plusminus" mit. Die Beteiligten streiten sich heftig und beschimpfen sich wüst. Letztlich geht es jedoch um eine einfache Frage: Wie alt werden wir eigentlich?

Für Versicherer hängt von der Antwort ab, wie viel Geld sie verdienen. Ein Beispiel: Ein heute 35 Jahre alter Mann schließt eine private Rentenversicherung ab. Welche Rente soll die Versicherung garantieren, wenn er 65 ist? 200 Euro oder 270 Euro? Für die Antwort ist entscheidend, wie lange der Mann lebt. Das statistische Bundesamt schätzt in seiner, im Internet abrufbaren Sterbetafel 2005/2007, dass er 78 Jahre alt wird. Da die Deutschen immer älter werden, rechnen die Versicherer anders. Sie gehen in ihren Sterbetafeln davon aus, dass der Versicherte über 90 Jahre alt wird. Seine Rente würde also eventuell bis 2060 garantiert.

Vorsichtig zu rechnen, macht also Sinn. Doch wie sehr? Dummerweise hat die Branche einen schweren Stand, weil es einige merkwürdige Vorkommnisse gibt. Bekanntlich kann ein Mensch nur 70 oder 90 Jahre alt werden. Doch für den Versicherer geht beides. Wenn er seinem Kunden eine Rentenversicherung verkauft, profitiert er davon, wenn der Versicherte früh stirbt, bei einer Risikolebensversicherung ist es umgekehrt. "Für einen 35-jährigen Mann geht die Versicherung plötzlich nur noch von einer Lebenserwartung von 73 Jahren aus. Weil die Risikolebensversicherung nur im Todesfall zahlt, erhöht eine geringe Lebenserwartung auf dem Papier das Risiko und damit den Preis", urteilt "Plusminus". Im Vergleich zu einer Rentenversicherung ergibt sich sogar eine Differenz von 20 Jahren.

Für Arno Gottschalk von der Verbraucherzentrale Bremen ist das unfair: "Die Versicherer weichen, wie es ihnen am besten passt, von den offiziellen Zahlen ab. In beiden Fällen zieht der Kunde den Kürzeren. Ich finde, wenn man schon von den offiziellen Zahlen abweicht, dann sollten die Versicherer sich doch mal einigen, ob die Kunden nun deutlich älter werden oder deutlich früher sterben als das Statistische Bundesamt prognostiziert."

Arno Gottschalck weist auf einen weiteren Punkt hin. Dabei geht es um die Riester-Rente - also jene Privatrente, die in den vergangenen Jahren an jedermann verkauft wurde. Alle sollen steinalt werden, glauben die Versicherer. Doch der Verbraucherschützer hat seine Zweifel an diesen Kalkulationen.

Zwar würden die Lebenserwartungen ihrer Kunden nachweislich deutlich von denen der Gesamtbevölkerung abweichen. Denn zum einen schließe eher eine gesunde Person eine Rentenversicherung ab; zum anderen stammten die privat Rentenversicherten zumeist aus den oberen Bevölkerungsschichten. Doch dies allein "erklärt die Unterschiede in den geschätzten Lebenserwartungen nicht vollends", glaubt Gottschalk.

Zudem werfe dies Fragen auf. "Es wird so bleiben, dass in der Lebensversicherung mit einer höheren Sterblichkeit gerechnet wird - was die Prämie dort verteuert - und in der Rentenversicherung mit einer niedrigeren Sterblichkeit, was dort die Prämie ebenfalls verteuert", erklärt Gottschalk. "Letztlich kommt es offenbar nicht auf die tatsächlich erwartete Lebenserwartung an, sondern auch auf geschäftliche Überlegungen, die je nach Versicherungssparte anders ausfallen."

Die Frage ist nun: Können die Lebenserwartungen ihrer bislang überwiegend besser gestellten Kunden einfach auf Riester-Rentenversicherungen übertragen werden? "Mit Riester sollen gerade Schichten mit niedrigerem Einkommen erreicht werden. Denn ihre Versorgung im Alter ist auf Grund der Entwicklung der gesetzlichen Rentenversicherung am stärksten gefährdet. Die statistische Lebenserwartung dieser Schichten ist aber - was niemand bestreitet - signifikant niedriger." Wenn bei ihnen gleichwohl die vorsorglich auch noch aufgestockten Lebenserwartungen der höheren Einkommensschichten angesetzt würden, "dann ist das nicht sachgerecht, sondern eine verdeckte systematische Übervorteilung".

Diese Interessen gibt kein Versicherer offen zu. Wer daran rüttelt, muss mit heftigen Reaktionen rechnen, so wie die Zeitschrift "Öko-Test". Auf der Internetseite des Branchenverbandes GDV ist von jeder Menge Fehlern, "Absurdität" und "unverantwortlicher Stümperei" die Rede. "Sollten Vorsorgeinteressierte durch die falschen Testergebnisse gänzlich vom Abschluss einer Altersvorsorge abgeschreckt oder Kunden gar zur Kündigung bestehender Verträge verleitet werden, hat Öko-Test leichtfertig auch einen großen sozialpolitischen Schaden zu verantworten", schimpft der GDV.

Öko-Test konterte und zerrte den Methodenstreit sogar vor Gericht. Die Journalisten monieren, dass Verband und Aktuarvereinigung einer öffentlichen Diskussion aus dem Wege gehen. "Die sachlichen Argumente gehen dem GDV offenbar aus", lautet das Fazit einer siebenseitigen Entgegnung.

Öko-Test wird nach eigenen Worten auch aus der Branche unterstützt. Unter den Unternehmen sind - wie so oft - die Interessen breit gefächert. Wessen Fähnlein der Verband dagegen hochhält, bleibt unklar. Klar ist nur: Große Lebensversicherungen sind ziemlich oft schlecht weggekommen.

Quelle: Handelsblatt